Das derzeitige System lebt auf Kosten der Tiere und der Landwirte und produziert nur Verlierer“
(Cem Özdemir) 

 Wir alle brauchen die Landwirtschaft. Sie ernährt uns und produziert darüber hinaus Fasern für unsere Kleidung, das Futtermittel für das Vieh und spielt auch eine große Rolle bei der Gewinnung von Bioenergie. Landwirtschaftliche Betriebe bewirtschaften etwa 50 Prozent unserer Landfläche, etwa 70 Prozent davon sind Ackerflächen. 25 Prozent des Wasserverbrauchs geht in die Landwirtschaft.  

Weltweit werden knapp 5 Mrd. Quadratkilometer landwirtschaftlich genutzt, davon 3,2 Mrd. für Weideflächen. Vor allem in Entwicklungsländern spielt die Landwirtschaft wirtschaftlich, obwohl weitgehend kleinbäuerlich geprägt, eine herausragende Rolle. Sie ist die Schlüsselindustrie bei der Armutsbekämpfung. Die meisten Beschäftigungsmöglichkeiten in diesen Ländern sind in der Landwirtschaft; insbesondere für Frauen. Die Landwirtschaft hat dort auch eines der größten Potenziale für die Reduzierung von Kohlenstoffemissionen. Die Unterstützung gefährdeter Menschen bei den notwendigen Anpassungen an den Klimawandel ist eine wichtige Aufgabe. 

 Konventionelle Landwirtschaft in unseren Breiten belastet unsere natürlichen Ressourcen und unsere Umwelt beträchtlich. Nachhaltig praktizierte Landwirtschaft soll also die Umwelt schützen, die natürliche Ressourcenbasis der Erde erweitern und die Bodenfruchtbarkeit erhalten und verbessern. Dies soll der zunehmenden Erosion entgegenwirken. Eine nachhaltige Landwirtschaft muss demnach mehreren Zielen dienen, die eng miteinander verbunden sind. Dazu gehört der Umweltschutz, soziale Aspekte, das Tierwohl und auch die Gesundheit. Es handelt sich um einen ganzheitlichen Ansatz, unter dem nachhaltige Landwirtschaft zu betrachten ist.  

 Im Zusammenhang mit dem Umweltschutz stehen im Mittelpunkt der Betrachtung der Klimawandel, der Stickstoffkreislauf und der Verlust der Biodiversität. Weltweit tragen etwa 12 Prozent aller vom Menschen verursachten Treibhausemissionen zum Klimawandel bei. Dabei fallen tierische Produkte besonders ins Gewicht. Dies trägt wesentlich zur Überdüngung bei, was zu einer verstärkten Belastung des Grundwassers durch Nitrat führt. Der Rückgang der Pflanzen- und Tiervielfalt ist vor allem auch in den Agrarlandschaften zu beobachten. Der Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln ist ebenso ein Problem wie die Vergrößerung der Ackerflächen, die Zunahme von Monokulturen und der Wegfall von z.B. Hecken. Nicht zu vergessen ist der Wasserverbrauch, der bei der Herstellung von landwirtschaftlichen Produkten (z.B. Avocados oder Rindfleisch) enorm ist. 

 Etwa 50 Prozent der in der Landwirtschaft in Deutschland Tätigen sind abhängig Beschäftigte. Im Vergleich zu anderen Sektoren, sind die Löhne niedriger. Die Macht des Handels im Preiskampf führt auch dazu, dass sich das Ein- und Auskommen der Landwirte selbst oft verschlechtert.  Bei der Spargel- und Erdbeerernte benötigen “wir“ osteuropäische Arbeitskräfte, weil man hierzulande keine findet. Ihre Arbeitsbedingungen sind in die Kritik gekommen. Teilweise ausbeuterisch sind die Arbeitsbedingungen rund um das Mittelmeer, woher wir einen Großteil unserer Südfrüchte, die in den Großmärkten angeboten werden, ganzjährig beziehen. Oft illegal eingereiste Menschen arbeiten unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen. 

 Global gesehen muss sich die Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten sowohl auf die Zunahme der Weltbevölkerung (2050 etwa 10 Mrd. Menschen) als auch auf eine immer noch nicht sinkende Zahl hungernder Menschen (derzeit etwa 800 Mio.) einstellen. Das bezieht sich auf den jetzt schon massiv zu beobachtenden Klimawandel, auf die Krisen weltweit (aktuell den Ukrainekrieg) und das zum Teil spekulative Zustandekommen von Weltmarktpreisen für Grundnahrungsmittel (zum Beispiel Reis) weltweit. Seit kurzem ist Deutschland der 2021 gegründeten sogenannten Koalition für Agrarökologie beigetreten. Ziel ist die Förderung der ökologischen Landwirtschaft, um damit die Hungerkrisen der Welt zu bekämpfen. Dies soll durch die Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme gelingen.  

 Sowohl bei Schweinen als auch bei Kühen und Geflügel spielt das Tierwohl eine wichtige Rolle. Bei der industriellen Produktion gibt es viele Mängel, die man, zumindest in Europa, versucht in den Griff zu bekommen. Nicht zu vergessen sind die gesundheitlichen Folgen durch eine Ernährung, die zu sehr auf Fleisch ausgerichtet ist und zu viel auf zucker- fett- und salzhaltige Produkte setzt – zu Lasten von Obst und Gemüse.  

 Die Europäische Kommission hat mit einer sogenannten Farm-to-Fork-Strategie als Teil des Europäischen Green Deals, durch den Europa bis 2050 klimaneutral werden soll, einen ambitionierten Plan vorgelegt. Mit Blick auf die landwirtschaftliche Produktion soll beispielsweise bis 2030 der Einsatz von chemisch-synthetischem Pflanzenschutz um 50 Prozent und der von Düngemitteln um 30 Prozent reduziert werden. 

 Dieser Ansatz ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings berücksichtigt er „nur“ (und auch nicht umfassend) den Umweltaspekt und auch lediglich für die Europäische Union. Weitere regulatorische Maßnahmen sowohl was die sozialen Probleme und das Tierwohl betreffen sind erforderlich. Die Aktivitäten Deutschlands und der EU zur Stärkung der Landwirtschaften vor allem im Süden sind ein weiteres wichtiges Handlungsfeld. Jedenfalls sollten wir uns beim Einkauf insgesamt mehr Gedanken machen – billig, billig geht zu Lasten der Umwelt, der Landwirte und der Arbeitskräfte. 

Autor: Lutz M. Büchner

Fotos: Lutz Büchner; no-one-cares/unsplash