„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun,
sondern auch für das,
 was wir nicht tun.(Molière)

Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (im Folgenden SDG abgekürzt), mit 17 Zielen und 169 Unterzielen, auch als Agenda 2030 bezeichnet, wurden 2015 verabschiedet. Sie haben in diesem Jahr Halbzeit. Grund genug, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, was aus diesen gesetzten Zielen geworden ist. 

 In Anbetracht der Komplexität des Themas wird diese Kolumne länger sein als üblich! 

 Sies ollen die soziale, wirtschaftliche und ökologische Entwicklung voranbringen. Sie richten sich an: Staaten, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und uns alle. In der Präambel der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung werden fünf Kernbotschaften den 17 Nachhaltigkeitszielen, die als Primärziele bezeichnet werden können, vorangestellt:  

der Mensch = Ziele 1-6,
der Planet = Ziele 7-10,
Wohlstand = Ziele 11-15,
Frieden = Ziel 16 und
Partnerschaft = Ziel 17
(englisch: People, Planet, Prosperity, Peace, Partnership – „5 Ps).  

Die obige Darstellung fasst jeweils die Ziele dieser Kategorien zusammen. 

Der im Mai 2023 erschienene Fortschrittsbericht der UN zur Halbzeit stimmt nicht gerade positiv. Seit 2015 haben sich weltweit viele Rahmenbedingungen geändert: die Covid Pandemie, die kriegerischen Auseinandersetzungen, insbesondere der Ukrainekrieg und jetzt auch der Nahostkrieg, aber auch der Klimawandel, der Verlust an Biodiversität und die fortschreitende Umweltverschmutzung waren so nicht voraussehbar und haben die Weltgemeinschaft bei der Erreichung der Ziele zurückgeworfen.  

Der Mensch (People)
Armut und Hunger sind mit der Würde des Menschen nicht vereinbar. Letztlich auch der Pandemie wegen, hat sich die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen auf nahezu 670 Millionen erhöht. Über 800 Millionen Menschen leiden nach wie vor unter direktem Hunger, eine noch höhere Zahl von Menschen unter dem sogenanten verborgenen Hunger, das heißt unter Unterernährung. Die Folgen des Ukrainekriegs verschärfen die Situation noch.  Die Corona Pandemie hat die angestrebten Fortschritte im Gesundheitsbereich verlangsamt. Trotzdem sind Erfolge, zum Beispiel bei der Kinder- und Müttersterblichkeit zu verzeichnen. 
Auch bei der Verbesserung der Bildungssituation weltweit hat die Corona Pandemie ihre Spuren hinterlassen. Das Beispiel Afghanistan zeigt, dass sich vor allem für Frauen die Bildungschancen verschlechtert haben. Auch dies ist ein Beispiel für Stagnation beim Erreichen der Geschlechtergleichheit. Aber natürlich wirken sich die hohen Armutszahlen auch auf die Bildung von Kindern und Jugendlichen negativ aus. Schließlich haben Milliarden Menschen weltweit noch immer keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, zu sanitären Einrichtungen und Hygiene. Vor allem im städtischen Bereich hat sich die Situation sogar eher verschlechtert. 

Wohlstand (Prosperity)
Bei diesem Ziel soll eine gerechte Gestaltung der Globalisierung erreicht werden. Mehr als 2.600 Millionen Menschen werden auch 2030 keinen Zugang zu Strom haben. Fast zwei Milliarden Menschen werden beim Kochen weiterhin auf umwelt- und gesundheitsschädliche Brennstoffe und Technologien angewiesen sein. 
Über 400 Millionen Menschen sind weltweit entweder arbeitslos oder befinden sich trotz Arbeit in extremer Armut. Im Gegensatz zu 72% der Männer hatten nur 47% der Frauen eine Beschäftigung. Nahezu 30 Millionen Zwangsarbeiter werden weltweit gezählt, darunter viele Kinder. 
Am Welthandel nimmt nach wie vor nur gut 1% der am wenigsten entwickelten Länder teil. Dort arbeiten mehr als 50% in der Landwirtschaft. Nur etwa 36 Millionen haben Internet. Der Anteil der Beschäftigten in der verarbeitenden Industrie ist relativ gering. 
Schließlich die Ungleichheit: 76% des weltweiten Vermögens befinden sich im Besitz der 10% reichsten Personen, und etwa 100 Millionen Menschen befinden sich, aus unterschiedlichen Gründen, auf der Flucht. 

Die Erde (Planet)
Dieses Oberziel hat die Begrenzung des Klimawandels sowie die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen im Fokus.
70% der Treibhausgase werden in Städten ausgestoßen, wo über 50% der Menschen weltweit leben (Tendenz steigend). 1 Milliarde davon sind Slumbewohner. Siedlungsabfälle stellen auch ein zunehmend großes Problem dar.
Natürliche Ressourcen werden noch immer nicht nachhaltig und effizient genutzt. Die enorme Subventionierung der Kohleförderung hemmt die Nutzung erneuerbarer Energie gewaltig. Alleine 13% der Ernte wird vor der Verarbeitung vernichtet, und das Verbraucherverhalten ist, trotz Verbesserungen, noch immer unzureichend. Die Verschwendung und der Verlust von Lebensmitteln pro Kopf sollten bis 2030 halbiert werden. Bis dahin ist es ein weiter Weg. 
Keine weiteren Ausführungen bedarf es zum Thema Maßnahmen zum Klimaschutz. Trotz aller Warnungen und Appelle schafft es die Weltengemeinschaft nicht an einem Strang zu ziehen und zielführende Maßnahmen zum Erreichen des 1,5 Grad Ziels umzusetzen.
Der Schutz der Ozeane, Meere und Meeresressourcen im Sinne nachhaltiger Entwicklung und nachhaltiger Nutzung ist unzureichend. Verminderung der Fischbestände, Tiefseebohrungen zur Förderung von Bodenschätzen konterkarieren dieses Ziel.
In jedem Jahr gehen 10 Millionen Hektar Wald verloren, der mit Abstand größte Teil davon zur Schaffung landwirtschaftlicher Flächen. Vor allem der Mensch ist für den Verlust von 150 Pflanzen – und Tierarten pro Tag verantwortlich. Abnehmende Grundwasserreserven führen zu einer weltweiten Bodendegeneration, welche die Landwirtschaft und die Wassersicherheit gefährdet. 

Frieden (Peace)
kann durch Wahrung der Menschenrechte und guter Regierungsführung erreicht werden. Gewalt weltweit nimmt allerdings eher zu als ab, ebenso der Missbrauch und die Ausbeutung von Kindern. Die Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und der gleichberechtigte Zugang zur Justiz haben sich keineswegs verbessert. Anstrengungen zur Verringerung der Korruption sind nicht zu verzeichnen. Illegale Waffen- und Finanztransaktionen finden nach wie vor in großem Umfange statt. Der freie Zugang zu Informationen ist nach wie vor nicht gewährleistet. Der Anteil von Fake News nimmt dramatisch zu.
 

Partnerschaften (Partnership)
sind notwendig, um global gemeinsam etwas zu erreichen. In den Bereichen wie Entwicklungszusammenarbeit, Überweisungsströmen und Zugang zu Technologie gibt es nur wenige Fortschritte. Die Finanzierung der Entwicklung insbesondere für Länder mit niedrigem Einkommen lässt zu wünschen übrig. In vielen Entwicklungsländern ist die Inflation sehr hoch, die Zinssätze steigen und die Schuldenlast ist enorm hoch. Das grenzt den finanziellen Handlungsspielraume ein. Geopolitische Spannungen und das Erstarken des Nationalismus in einigen Teilen der Welt erschweren die internationale Zusammenarbeit.

Die Übersicht zeigt, dass sich die Situation in den meisten der 17 Ziele nicht oder unzureichend verbessert hat. Dafür sind mehrere Ursachen verantwortlich: Neben den Auswirkungen des Klimawandels sind dies der Zusammenbruch der globalen Lieferketten auf Grund der Corona Pandemie, aber, und vor allem auch die zahlreichen Kriege. Daneben dürfen nicht die menschgemachten Versäumnisse vergessen werden: nationale Interessen vor internationaler Solidarität der Regierungen, kurzfristiges Handeln aus allein finanziellen Gründen statt langfristiger Strategien der Wirtschaft und mangelnde Mitnahme der Menschen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Welt. Ein Armutszeugnis – haben wir doch nur eine Welt. 

 Zum Schluss: 

„Der mangelnde Fortschritt bei den SDGs ist universell, aber es ist überdeutlich, dass die Entwicklungsländer und die ärmsten und verletzlichsten Menschen der Welt die Hauptlast unseres kollektiven Versagens tragen. Dies ist eine unmittelbare Folge globaler Ungerechtigkeiten, die Hunderte von Jahren zurückreichen, sich aber bis heute fortsetzen“.(UN-Generalsekretär António Guterres SDG-Fortschrittsbericht 2023 )

Autor: Lutz M. Büchner

Fotos: Lutz Büchner